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Im Rahmen der BBV-Serie "Nachtschicht" besuchte
Redakteurin Sabine Hecker unsere Backstube. Abdruck mit freundlicher
Genehmigung des Bocholter-Borkener
Volksblattes. |
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Leben in der Backstube Stenneken beginnt mitten in der
Nacht
Jedes Brötchen ist Handarbeit
Von SABINE HECKER
RHEDE. Noch steht die Rührmaschine in der dunklen Backstube
still. Als die Zeiger der Uhr auf 1.30 Uhr stehen, springt
der Ofen an – die Vorbereitungen für den Arbeitstag
beginnen. Eine Stunde braucht es, bis sich das Gerät
auf 240 Grad aufgeheizt hat. Während der Ofen arbeitet,
endet am frühen Freitag die Nacht für Willi Stenneken
und seinen Sohn Frank. Um 2.30 Uhr stehen sie in der inzwischen
hell erleuchteten Backstube. Worte fallen kaum, dennoch ist
es mit der Ruhe vorbei. Frank Stenneken tippt ein paar Zahlen
in den Computer des Silos, füllt die gewünschte
Menge Mehl ab. Gibt Wasser und Hefe hinzu, stellt die Schalter
der Rührschüssel ein. Die wichtigste Aufgabe zu
dieser frühen Stunde, denn der erste Teig muss fertig
sein, wenn nach und nach die Kollegen eintrudeln. |
• An die Rührmaschine geht nicht jeder. Frank Stenneken
oder sein Vater setzen den ersten Teig an. Kurz darauf übernimmt
Werner Buß die Maschine. Er wird zum „Teigmacher“,
wie die Kollegen sagen. Eine wichtige Aufgabe. Denn auf den
Teig kommt es an, und auf die Handarbeit, sagt Seniorchef
Willi Stenneken. Sein Großvater gründete vor über
100 Jahren die inzwischen älteste Bäckerei im Ort.
Seitdem versorgt die Familie die Rheder mit Brot, Brötchen
und Kuchen.
Bis auf eine Unterbrechung von zehn Jahren, schränkt
Willi Stenneken ein. Nach dem Krieg wurde zunächst nicht
gebacken – „weil mein Vater gefallen war“.
Dann stieg er ins Geschäft ein, das seine Mutter in den
Jahren zuvor (ohne Backstube) weitergeführt hatte. Die
Technik hat sich seitdem entwickelt, doch der Familienbetrieb
setzt weiterhin auf Handarbeit und auf eigene Rezepte. „Backmischungen
gibt es bei uns nicht“, erklärt Stenneken. „Wir
haben ein Hausgeschäft und legen Wert auf handwerkliche
Bäckerei.“
Er steht am Ofen, als die Klingel ihm mit lautem Gongschlag
signalisiert: Die erste Fuhre Brötchen ist fast fertig.
Stenneken greift zwei dicke Topflappen, öffnet die Tür,
zieht die Bleche mit Sonnenblumen-, Mehrkorn und Dinkelbrötchen
heraus. Er taucht eine Art Handfeger in eine Schüssel
mit Eierstich, streicht über die frischen Brötchen
– „damit sie glänzen.“ |
• Langsam füllt sich die Backstube. Sechs Leute arbeiten
an diesem frühen Freitagmorgen. Zwei Kollegen machen
Urlaub und müssen ersetzt werden. Das passiert ohne viel
Worte. Reden – „das ist ungewohnt“, sagt
Werner Buß. Das Team ist eingespielt. Jeder hat seine
Aufgabe, weiß was zu tun ist. Der „Teigmacher“
hat inzwischen ein wahren Teigberg für die frischen Brötchen
vorbereitet. Da sitzt jeder Handgriff. Mit dem Abstecher greift
Buß in die helle Masse, wiegt kleine Haufen ab, greift
kurz darauf mit jeder Hand einen Teighaufen, lässt die
Handflächen kreisen und formt in Sekunden einen runden
Ballen. Die Weiterverarbeitung übernimmt Sascha Hentschel.
Mit der Hand schlägt er auf den Ballen, bis der zu einem
platten Teigkreis geworden ist – gerade so groß,
dass er auf eine rund Platte passt, die sogleich in die Brötchenpresse
wandert. Aus einem Ballen werden so 30 Brötchen.
Jetzt übernimmt Frank Stenneken. Jede einzelne kleine
Kugel bringt der Junior-Chef per Hand in die gewünschte
leicht ovale Form. Er legt das Brötchen auf eine Holzdiele,
schneidet es an, dreht es um. Später, wenn die Paletten
aus dem Gärraum kommen, werden die Brötchen erneut
umgedreht – und landen auf Abziehapparaten, mit denen
sie auf den Steinboden im Ofen verfrachtet werden. Die Steinplatten
sind wichtig für die hellen Brötchen, erklärt
Willi Stenneken. Dann bekommen sie einen „schönen
Fuß“. Oben und unten sollen sie cross sein, erklärt
er und an der Seite hell – damit man sie dort mit dem
Messer aufschneiden kann. Gegen vier Uhr holt Stenneken die
ersten duftenden hellen Brötchen aus dem Ofen –
die wenig später von Lehrling Stefan Piatkowski in Tüten
gepackt werden. Der junge Mann verlässt für etwa
zwei Stunden die Backstube, um rund 100 bis 150 Rheder die
frischen Semmeln ins Haus zu bringen. |
• Erst kommen in der Backstube die Brötchen an die Reihe,
die dunklen, die hellen, Croissants und Laugenstangen. Die
Brote sind später dran – und brauche mehr Zeit.
Zeit ist wichtig, sagt der Seniorchef. Denn der Teig müsse
lange genug ruhen, um richtig gut zu werden. Da dürfe
man nicht fuschen.
Wie viele Brötchen bei Stenneken am Tag gemacht werden,
behält der Senior-Chef lieber für sich. Nur so viel
verrät er. „Samstags machen wir über 10000
Brötchen.“ Samstags ist sozusagen Großkampf-Nacht
in der Backstube. Dann beginnen die Bäcker bereits um
Mitternacht mit ihrer Arbeit. Das frühe Aufstehen mache
ihm an und für sich nichts aus, sagt Stenneken. Nur samstags,
da sei es schlimm. Auch für die jungen Leute. Denn wenn
andere noch feiern, müssen sie nach meist nur wenigen
Stunden Schlaf schon wieder aus den Federn. Oder gehen erst
gar nicht rein. „Das kommt mal vor“, sagt Daniela
Lazni. Aber selten, schränken ihre Kollegen ein. Und
schließlich bleibe auch noch der Samstagabend.
Mit dem Einschlafen kämpft das Bäckerteam an diesem
Morgen jedenfalls nicht. Zu tun gibt es reichlich. Der Teig
für die Laugenstangen muss gerollt werden, die verschiedenen
Roggenbrote angesetzt und nebenher schon mal die Aprikosenfüllung
für die Teilchen gekocht werden. Zwischendurch verschwindet
der ein oder andere Mitarbeiter für ein paar Minuten
in der Küche. Dort steht eine Kanne mit heißem
Kaffee. |
• Die Küche ist auch erste Anlaufstelle für Agnes
Stenneken, die um kurz nach 5 Uhr in die Backstube kommt.
Mit einer Tasse Kaffee und einem Blick in die Zeitung beginnt
ihr Arbeitstag. Dann bereitet sie den Verkaufsraum vor, räumt
Käse und Wurst aus dem Kühlschrank in die Kühltheke,
macht das Licht an, holt die erste Ladung Brötchen aus
der Backstube. Die Körbe mit den vielen Sorten Körnerbrötchen
sind dann schon gefüllt. Dafür hat Daniela Lazni
gesorgt.
Kaum schließt Agnes Stenneken um kurz vor 6 Uhr die
Ladentür auf, kommen die ersten Stammkunden, um ihre
frischen Semmeln zu holen. Die Mitarbeiter in der Backstube
legen etwa um diese Zeit eine gemeinsam Pause ein. Vater und
Sohn Stenneken tun das nicht. Sie bereiten wieder Teig vor
– für die nächsten Brötchen. Außerdem
müssen bald die Brote in den Ofen und Kuchen gebacken
werden. Bis zum Mittag arbeiten die Männer und Frauen
– doch dann ist aus der Nachtschicht schon längst
eine Tagschicht geworden.
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